Dominique Busch / 1999
"Welchen Umschlag hätten Sie denn gerne?"
Wenn man in einer Quizshow den Kandidaten fragen würde, wie man fotografische Bilder nennt, die ohne Optik hergestellt sind, würde der wahrscheinlich denken, es handle sich um eine Fangfrage. Fotografische Bilder ohne Linse und Kamera? Wie soll das denn funktionieren? Nun, eigentlich ganz einfach: man nehme lichtempfindliches Fotopapier und arrangiere darauf im schwachen Licht der Dunkelkammer x-beliebige Gegenstände und/oder Personen; diese werden anschliessend in direktem Kontakt auf der Fotoschicht belichtet. Dazu kann man alle möglichen Lichtquellen verwenden, die kurz an und wieder ausgeschaltet werden. Jetzt wird das Fotopapier entwickelt. Wenn alles richtig gemacht wurde, tauchen die Umrisse der belichteten Gegenstände vor schwarzem Hintergrund auf, denn Licht bewirkt im fotografischen Prozess die Schwärzung des Fotopapieres, so dass lediglich die Stellen, die durch die Gegenstände vor dem Licht geschützt wurden, weiss bleiben. Fertig! So entsteht ein fotografisches Bild ohne Kamera, und das Kind hat auch einen Namen: Fotogramm. Hätten Sie‘s gewusst?
Von der "Antikunst" zum Mitmach-Spiel
Die obigen Zeilen könnten aus dem Vorwort eines Buches der Hobbythek stammen, und tatsächlich erfreute sich das Fotogramm in den 70er Jahren aufgrund seiner relativ unkomplizierten und unmittelbaren Herstellungsweise einer gewissen Popularität bei Hobbyfotografen sowie in Kinder-Fotokursen - "Irgendwann fing das Fotogramm an, nett zu werden" schrieb Floris Neusüss in diesem Zusammenhang in seinem Buch "Das Fotogramm in der Kunst des 20. Jahrhunderts" (1). Demnach muss es eine Zeit gegeben haben, in der das Fotogramm nicht nett war, und wenn man sich die Namen der Künstler anschaut, die mit dieser Technik gearbeitet haben, so sind dies in kunstgeschichtlicher Hinsicht tatsächlich nicht gerade die Nettesten gewesen. Es waren nämlich die Dadaisten, die in den 20er Jahren das Fotogramm als künstlerisches Ausdrucksmittel für sich entdeckten und damit experimentierten; die kameralose Fotografie hatte bis zu diesem Zeitpunkt keine Rolle in der zeitgenössischen Kunst gespielt und in seiner Unpopularität und Unmittelbarkeit in der Herstellung schien das Fotogramm wie geschaffen für die neue "Antikunst", welche die Dadaisten in zahlreichen Manifesten und Pamphleten propagierten. Die bekanntesten Arbeiten aus dieser Zeit stammen von Man Ray, Christian Schad, Kurt Schwitters, Raoul Hausmann und LaszloMoholy-Nagy, der in dem Fotogramm eine zeitgemässe, "durchgeistigte Waffe im Kampf für das neue Sehen" sah (2). Nach dem ersten Weltkrieg hatte sich die bedingungslose Fortschritts- und Technikeuphorie - wie sie noch bei den Futuristen zu finden war- verflüchtigt: "Der absolute Rationalismus, der noch in Gebrauch ist, erlaubt lediglich die Berücksichtigung von Fakten, die eng mit unserer Erfahrung verknüpft sind. Die logischen Zwecke hingegen entgehen uns. Unnötig hinzuzufügen, dass auch der Erfahrung Grenzen gesteckt wurden", schreibt Andre Breton 1924 im Manifest des Surrealismus (3). Es war die Zeit, in der Maler die Bäume blau und den Himmel grün malten. Und es war die Zeit in der einige Künstler dem Fotogramm den Vorzug vor der Fotografie gaben, denn während die Fotografie die Realität 1:1 wiedergibt, lässt das Fotogramm einen Teil der gegenständlichen Welt im Verborgenen indem lediglich die Umrisse der abgebildeten Objekte und Personen sichtbar werden. Dadurch wird auf die Existenz einer Wirklichkeit verwiesen, die sich der retinalen Wahrnehmung entzieht. Nach den wilden Jahren mit den Dadaisten und Surrealisten verfiel das Fotogrammim Schoss der Kunstgeschichte wieder in einen tiefen Dornröschenschlaf. Naja, das ist nicht ganz richtig, schliesslich haben auch Künstler wie Picasso, Polke und Broodthaers Fotogramme gemacht, nur weiss das kaum jemand.
"Aber Schwarzweiss war und bleibt edel!"
Und wie sieht es heute aus? Gibt es noch Künstler, die mit der kameralosen Fotografie arbeiten, oder ist dieses Kapitel im Zeitalter der Digitalisierung nun endgültig abgeschlossen? Die Künstlerin Natalie Ital, die von 1987 bis 1993 bei Prof. Floris M. Neusüss an der GhK visuelle Kommunikation studierte, zeigt mit ihren Arbeiten, dass das Fotogramm zu Unrecht ein Schattendasein neben der Fotografie fristet. Mit spielerischer Experimentierwut und technischer Finesse lotet sie die Möglichkeiten der kameralosen Fotografie aus und siehe da, man braucht weder Photoshop noch andere Hilfsmittel aus dem Bereich ‚Neue Medien‘ um ein "gutes Foto" zu machen. Das Fotogramm verlangt vielmehr eine intuitive Vorgehensweise, entsteht es doch im Gegensatz zur Fotografie in der Regel unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einem abgedunkelten Raum. Fotogramme sind daher immer inszenierte Bilder und kein Abbild der Realität wie sie uns die Fotografie liefert. In den Fotogrammen von Natalie Ital begegnen uns 5oer Jahre Stars, längst ausgestorbene Panzertiere, Skelette, Barbie und Ken als auch Personen aus dem Freundeskreis der Künstlerin in Lebensgrösse. Realität und Fiktion verschmelzen in ihren Fotogrammen zu einer anderen Wirklichkeit: "bekannte Wesen werden unbekannt, Geschlechter werden neutral und Reales wird fremd. Die Neugier nach unbekannten Lebensformen ist gross", schreibt die Künstlerin (4). In ihren zum Teil chaotisch-anarchischen Inszenierungen gibt es immer extreme Gegensätze, und wenn auf einem ihrer Körperfotogramme ein Engel auftaucht, so ist der Teufel sicherlich nicht weit. Das Schöne und das Hässliche, das Niedliche und das Bedrohliche, Mann und Frau, Liebe und Hass, Leben und Tod, das ist der Stoff aus dem die Träume sind und all das findet sich in den Fotogrammen von Natalie Ital. Es ist diese Dualität, die ihre narrativen Bildern spannend und lebendig macht. Durch aufwendige Positiv-Negativ-Belichtungen und Farbfilter werden die Objekte weiter verfremdet und man muss schon genau hinschauen, um Elvis, E.T. und all die anderen kleinen und grossen Helden zu erkennen, die sich zwischen Dinosauriern, Spinnen, Fledermäusen und Skeletten auf den Bildern tummeln. Das Umwerfendste an Natalie Itals Fotogrammen ist jedoch deren Farbigkeit. Welche Macht Farben haben, das wissen wir spätestens seit die Frau von der Farb- und Stilberatung uns gesagt hat, dass Türkis unsere Augen zum Strahlen bringt, während Royalblau unsere gesamte Ausstrahlung unter sich begräbt. Vielleicht scheuen sich deshalb so viele Fotografen davor, mit Farben zu arbeiten und bleiben stattdessen beim altbewährten schwarz/weiss: "Man kann es heute auch farbig gestalten! Aber Schwarzweiss war und bleibt edel"(5) so ein Lehrer an der Bayerischen Staatslehranstalt für Fotografie in einem Brief an Floris Neusüss im Jahre 1985. Das war zwei Jahre bevor Andy Warhol starb! Es ist natürlich einfach, beim Bekannten und Bewährten zu bleiben, doch oftmals kommen dann eben nur "nette" Arbeiten dabei heraus. Fotogramme mit dem dezenten Charme eines Scherenschnitts gibt es wie Sand am Meer, die Arbeiten von Natalie Ital hingegen sind ein herausragendes Beispiel für künstlerische Experimentierfreude und technische Vielseitigkeit im Umgang mit einem unpopulären Medium.